Artikel in „Netz. Zeitschrift für das Pflegekinderwesen“ 1/2008

Wie Pflegeeltern einer Überforderung vorbeugen können


Hilfe annehmen ist ein Zeichen von Stärke

Pflegeeltern sind geübt, die Bedürfnisse anderer wahrzunehmen und darauf einzugehen. Wenn sie dabei die eigenen Bedürfnisse nicht ernst nehmen, kommen sie oft an den Punkt, wo sie nicht mehr weiterwissen. Wie sie ihre Stärken und Ressourcen wieder wahrnehmen, nutzen und neue Verhaltensweisen entwickeln können, zeigt die Autorin mit vielen praktischen Beispielen.

Von Beatrice Hess


«Ich weiss nicht, wie es weitergehen soll!» Mit diesen Worten beginnt eine Pflegemutter die erste Supervisionssitzung. Sie befindet sich in einer Sackgasse und weiss nicht, wie sie die nächsten Wochen mit dem Pflegekind überstehen kann. In einer bereits angespannten Situation hat sich das Mädchen noch den Fuss gebrochen und so die Ferienpläne der Familie durchkreuzt. Hinter dieser aktuellen Situation steht die grundlegende Frage: Soll und kann die ursprünglich zeitlich befristete Platzierung in eine Dauerplatzierung mit Langzeitperspektive umgewandelt werden?

Bevor wir uns mit dieser Frage befassen, loten wir gemeinsam aus, welche Handlungsmöglichkeiten im Moment bestehen: Wie kann sich die Pflegemutter täglich Atempausen verschaffen? Welche Entlastungsmöglichkeiten sind kurzfristig realistisch? Womit kann sich das Kind in dieser Zeit beschäftigen, ohne dass es viel Geld kostet? Liegt es drin, auch mal tagsüber einen Film anzuschauen, obwohl das den Erziehungsprinzipien der Pflegemutter widerspricht?

Wenn mir diese Frau beim zweiten Treffen zurückmeldet: «Nach unserem Gespräch konnte ich mit einer anderen Haltung dem Kind gegenübertreten, und die zwei Wochen liefen überraschend gut», ist das ein Riesenerfolg. Verantwortlich dafür sind nicht meine speziell originellen Ideen für schwierige Situationen, die völlig neu für die betreffende Pflegemutter wären. Vielmehr hat ihr das Gespräch mit der Supervisorin geholfen, die eigenen Stärken und Ressourcen wieder wahrzunehmen und zu nutzen und Ideen zu entwickeln. Vor dem Gespräch sah sie nur noch einen riesigen Berg vor sich. Das Gefühl «Ich schaff das nicht, ich kann da nichts machen» überdeckte alles andere.


Energie tanken – Pausen einschalten und entspannen

Unter akutem Stress können Menschen nicht mehr klar denken. Sie fühlen sich bedroht, ihr Gehirn schaltet auf den Überlebensmodus um. Das heisst, sie treffen Entscheidungen, die ihr unmittelbares Überleben sichern. Sie kämpfen, flüchten oder stellen sich tot, wie die Pflegemutter im erwähnten Beispiel, die völlig blockiert ist. Sie blenden die Zukunft aus, verlieren den Kontakt zu ihrer Aufgabe und nehmen ihre Umgebung nicht mehr klar wahr. Zum Glück können wir etwas tun, um solchen Situationen vorzubeugen, indem wir uns immer wieder sagen: «Ich bin die, die ich bin – und ich gönne mir regelmässige Pausen und Erholung.»

Als Pflegeeltern sind Sie wahrscheinlich geübt darin, die Bedürfnisse anderer wahrzunehmen und darauf einzugehen. Genauso selbstverständlich sollte es sein, auf die eigenen Bedürfnisse zu achten. Eine gesunde, abwechslungsreiche Ernährung mit viel Früchten und Gemüse, regelmässige Bewegung, genügend Schlaf und wohltuende Berührung bilden die Basis. Und gönnen Sie sich Pausen: eine halbe Stunde Mittagsruhe, mehrere kurze Pausen verteilt über den Tag – vielleicht nur, um ein Glas Wasser zu trinken. Der Dienstagabend im Turnverein, der Wohlfühlabend ganz allein mit einem warmen Bad und einem Buch ohne Störung, das regelmässige Singen im Chor oder was auch immer Ihnen gut tut. Wer Pausen einschaltet, sollte deswegen kein schlechtes Gewissen haben – im Gegenteil. Entspannung und Pausen geben frische Energie. Wieso also darauf verzichten?

Wer sich selber kennt und akzeptiert, seine Bedürfnisse wahrnimmt und seine Grenzen ernst nimmt, der verfügt über ein ausgezeichnetes Frühwarnsystem. Es zeigt an: «Halt! Es wird mir zuviel, ich muss etwas ändern!», und hilft so, Überforderung frühzeitig zu erkennen.

Hobby und Freundschaften

Was sind Ihre persönlichen Kraftquellen, aus welchen Erlebnissen tanken Sie Energie? Schaffen Sie sich bewusst einen Ausgleich zur täglichen Arbeit, pflegen Sie Freundschaften, hören Sie Musik, nehmen Sie sich Zeit für ihr Hobby. Im oft hektischen Familienalltag, wo Arbeit und Freizeit nahtlos ineinander übergehen, kommt das gerne zu kurz. Greifen Sie zu Tricks, damit die eigene Freizeit nicht untergeht. Planen Sie «Ich-Zeiten» fest ein in der Familienagenda und nehmen Sie sie genauso wichtig wie zum Beispiel den Termin beim Zahnarzt.

Aus der organisationspsychologischen Forschung bekannte Stressoren am Arbeitsplatz sind Rollenkonflikte, -überlastung und -unklarheit, fehlende Anerkennung, enttäuschte Erwartungen und unrealistische Ziele. Genau das sind Ansatzpunkte zur Prävention am Arbeitsplatz Pflegeverhältnis.

Rolle und Auftrag klären

Ein sechsjähriges Pflegekind, das die ersten Lebensjahre im Kinderheim verbracht hat und seit drei Jahren in einer Pflegefamilie lebt, entwickelt Ängste, träumt schlecht, ist aggressiv und abweisend den Pflegeeltern gegenüber – besonders nach Kontakten mit der leiblichen Mutter. Noch deutlicher wird dieses Verhalten, als die Mutter umzieht. Gemeinsam mit dem Beistand stellen die Pflegeeltern einen Strauss von Massnahmen zusammen: Es findet ein Gespräch statt, an dem die Mutter dem Kind im Beisein von Beistand und Pflegeeltern erklärt, dass es nicht bei ihr wohnen kann und dass sein Zuhause bei den Pflegeeltern ist. Ausserdem werden die Besuchskontakte in Zukunft begleitet.

Diese Massnahmen wirken Wunder. Das Kind fühlt sich sicher, seine Träume und Ängste verschwinden, und es ist weniger verschlossen. Das Leben in der Pflegefamilie wird einfacher, der normale Alltag, die Themen Kindergarten und «Gspänli» haben wieder mehr Platz.

Das Beispiel zeigt, wie sich eine schwierige Situation beruhigen kann, wenn es gelingt, die Rahmenbedingungen zu klären und allenfalls zu verändern. Die Rolle und Aufgaben der Pflegeeltern zu klären, ist keine einmalige Angelegenheit, denn die Situation verändert sich immer wieder. Im Idealfall berichten die Pflegeeltern im regelmässigen Standortgespräch dem Beistand als Auftraggeber von ihren Erfahrungen. Sie erzählen konkrete Beispiele, äussern ihre Bedenken und Vorstellungen und holen sich so die notwendige Rückendeckung für ihre Arbeit.

Was heisst zum Beispiel «Kontakt mit der Herkunftsfamilie» ermöglichen? Ist das Ziel eines solchen Kontaktes die Rückkehr zur Herkunftsfamilie? Oder geht es darum, dass das Kind ein realistisches Bild seiner leiblichen Eltern entwickeln kann und ihnen – obwohl sie sich manchmal merkwürdig verhalten und Angst auslösen – mit Wertschätzung begegnet? Welche Abmachungen sind sinnvoll, um dem Kind den nötigen Schutz zu geben? Was können die Pflegeeltern leisten, und wo sind ihre Grenzen? Ist eine Besuchsbegleitung sinnvoll? Eine zusätzliche Nummer für die Telefonkontakte?

Realistische Erwartungen erarbeiten

Ich begegne Pflegeeltern, die sich viele Gedanken über ihre erzieherische Aufgabe machen und in der Regel von sich selber sehr viel verlangen. Vor allem Kindern mit schwierigen Lebensgeschichten wollen sie etwas bieten, ihnen Vorbilder sein im Zusammenleben und ihnen Tugenden wie Hilfsbereitschaft und Zuverlässigkeit näher bringen. Sie gehen von der Frage aus: «Was braucht es, um in unserer Gesellschaft sein Leben erfolgreich zu meistern?» Manchmal überfordern sie damit das Kind und sich selber. Sie wollen es gut machen und besonders konsequent sein, aber sie befinden sich im Alltag in einem zermürbenden Machtkampf. Entlastend kann es sein, sich realistische Entwicklungsziele für dieses spezielle Kind zu überlegen – unabhängig davon, was als «normal» gilt, und ihm deutlich zeigen: «Es ist schön, dass es dich gibt.»

Eine Pflegemutter führte getrennte Mittagsmahlzeiten für ihre zwei Pflegekinder ein, weil sie den Streit zwischen ihnen nicht aushielt. Es braucht viel Mut und Unabhängigkeit, Vorstellungen von harmonischem Familienleben zur Seite zu schieben. Diese Pflegemutter muss ihren eigenen Weg finden und sich damit versöhnen, was jetzt bei ihr möglich ist und was nicht.


Mit Enttäuschungen leben lernen

Manche Pflegeeltern müssen lernen, mit tiefen Enttäuschungen umzugehen. Sie erleben zum Beispiel, dass das Kind die angebotene Beziehung nicht so annehmen kann, wie sie sich das vorgestellt haben. Wie viel Nähe ist für das Kind lebbar, und wie viel Distanz können die Pflegeeltern zulassen und trotzdem offen für die Bedürfnisse des Kindes bleiben? Finden sie einen Weg, das Kind in seiner Not zu unterstützen? Auch wenn es immer wieder ausrastet, Gegenstände zerstört und wehtun will? Können sie die Abweisung aushalten, nicht persönlich nehmen und trotzdem offen bleiben? Können sie die Grenzen der eigenen Macht aushalten und mitansehen, wie ein Kind trotz ihrer Bemühungen und Zuwendung verkrampft und angepasst ist und sich (noch) nicht so verhalten kann, wie sie sich ein lebenslustiges Kind vorstellen und wünschen?

Was realistische Erwartungen sind, sollten Pflegeeltern zu ihrem eigenen Schutz mit dem Auftraggeber besprechen. Verfügen wir überhaupt über die nötige Ausrüstung für unsere Aufgabe, oder könnte uns ein Kurs hilfreiches Wissen vermitteln? Könnte eine Supervision uns den Rücken stärken und uns helfen, unsere begrenzten Einflussmöglichkeiten auszuhalten und den Sinn unseres Einsatzes nicht aus den Augen zu verlieren?

Schöne Momente geniessen

Gönnen Sie sich am Abend ein paar Minuten Zeit, in denen sie sich nur auf die schönen Momente konzentrieren, die Sie tagsüber als Pflegeeltern erlebt haben. Achten Sie auf Veränderungen, nehmen Sie auch kleinste Erfolgserlebnisse wahr. Klopfen Sie sich gegenseitig auf die Schultern für ihre täglich erbrachte Leistung, und verschaffen Sie sich so ein Stück Anerkennung.

Abstand nehmen

Eine Besonderheit des Arbeitsplatzes Familie ist die Einsamkeit. Austausch und Auseinandersetzungen im Team fehlen, der Kollege ist gleichzeitig der Lebensgefährte. Pflegeeltern müssen selber Gesprächspartner(innen) suchen, die ihnen helfen, Abstand zum Alltag zu gewinnen. Eine Mutter von vier Kindern hat dazu eine eigene Strategie entwickelt. Wenn ihr die Streitereien zwischen den Kindern zu bunt werden, zieht sie sich mit einem Buch aufs WC zurück und liest dort zwei Kapitel. Die Kinder erkennen inzwischen das Signal und sagen schon mal: «Jetzt müssen wir aufpassen, sonst nimmt sie wieder ihr Buch und verschwindet!»

Hilfe holen und annehmen

Kennen Sie die Geschichte von Baron Münchhausen? Er reitet auf seinem Pferd und gerät in einen Sumpf. Er sinkt immer tiefer und rettet sich, indem er sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zieht. Das funktioniert im Märchen, aber es braucht viel Kraft. Ich halte mich lieber an den Psychiater Dr. R. Oberhänsli. Als die zwei wichtigsten Ursachen für Burn-out nennt er «Probleme aussitzen» und «keine Hilfe annehmen». Nun sind ja Pflegeeltern noch lange keine Burn-out Patient(inn)en, aber ich erlaube mir trotzdem den Umkehrschluss: Es ist gesund und eine Zeichen von Stärke, Schwierigkeiten frühzeitig anzugehen und Hilfe anzunehmen.

Übung „Wie kann ich mir Gutes tun/eine Freude machen?“

Schreiben Sie fünf Dinge auf, die Sie sehr gerne tun oder früher gerne getan haben. Überlegen Sie, wann Sie diese Sachen zum letzten Mal getan haben. Erschrecken Sie nicht, wenn das lange zurückliegt, das ist häufig so. Und suchen Sie sich eine Lieblingsbeschäftigung aus, die Sie in den nächsten zwei Wochen tun werden.

Wie kann ich mich vor Überforderung schützen?

• Achtsamer Umgang mit mir selber, mir Pausen und Erholung gönnen
• Ausgleich pflegen (Hobby, Freundschaften)
• Realistische Selbsteinschätzung und Klarheit über die eigenen Bedürfnisse und Grenzen
• Frühzeitig Hilfe holen
• Regelmässige Auftrags- und Rollenklärung (mit dem Beistand)
• Realistische Erwartungen entwickeln
• Schöne Momente geniessen und auch kleinste Erfolge sehen und würdigen
• Liebevoll über mich selber lachen

Was kann mir helfen, Abstand zu gewinnen?

• Mit anderen Eltern austauschen
• Mit Pflegeeltern austauschen (Intervisions- oder Supervisionsgruppe)
• Elternbildungskurse, Kurse für Pflegeeltern
• Über Schwierigkeiten sprechen und Belastungen teilen – das kann auch ein Gespräch mit der Dargebotenen Hand oder dem Elternnotruf sein
• Supervision (Einzelberatung)
• Einen Notfallkoffer für dramatische Momente zusammenstellen mit Ersatzhandlungen wie tief Durchatmen und in Gedanken bis Hundert zählen, ein Glas Wasser trinken, einen Ärger-lass-nach-Lauf machen, einen Rückzugsort bestimmen …

Die Autorin

Beatrice Hess ist Supervisorin und Organisationsberaterin BSO, Mutter und Pflegemutter, Kursleiterin und Beraterin im Bereich familienergänzende Kinderbetreuung. (www.beatricehess.ch)





Dr. Beatrice Hess, Organisationsberaterin & Supervisorin BSO
Im Raindörfli 17 • CH – 8038 Zürich • +41 1 481 86 73 • info@beatricehess.ch


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